Allem Anfang wohnt ein Zauber inne
Performance „Wortspuren“. Hommage an den Beginn der Eurythmie von Claudia von Knorr und Hans Fors im Schauraum Nürtingen


Von Leonore Welzin


Augenblicke des Entstehens sind faszinierend. Claudia von Knorr hat sich an ein Konzept gewagt, das die Quellen des Schöpferischen im Transfer von Sprache und Bewegung, von Körper und Raum beleuchtet. Unter dem Titel „Wortspuren“ ist in Zusammenarbeit mit dem schwedischen Eurythmisten Hans Fors (Regie, Co-Choreografie) eine Performance entstanden, die von Knorr mehrfach aufgeführt, den jeweiligen Aufführungsorten nicht nur anpasst, sondern – mit viel Sensibilität für Akustik, Materialität und Lichtverhältnisse eines Raumes – ihm auf den Leib schreibt.
„Die Rede ist ein Ort, den man nicht erreicht, und den man dennoch unaufhörlich sucht“, so ein Zitat des französischen Literaten Jean-Louis Giovannoni. Aus dessen Gedichtzyklus „Ce lieu que les pierres regardent“ (Ein Ort im Blick der Steine) hat von Knorr sechs Motive ausgewählt und subtil mit Rudolf Steiners Übung „Ich denke die Rede” verwoben. Steiners Mantren zu den sechs Stellungen von Agrippa von Nettesheim nehmen unter allen Übungen der Eurythmie eine zentrale Stellung ein, sind sie doch eine Art Schlüssel zu den vitalisierenden Kräften, um zu einer geistig-leiblichen Ganzheit zu gelangen.
Der Klang eines Holzstocks, der, über den Boden gezogen, mal schabt, kratzt oder klopft und sich als Geräusch im Hall des Raums verselbstständigt und vervielfältigt, lässt ein vorsprachliches Eigenleben erkennen. Wie sich aus der Stille des Gedankens der Atem, der Laut, das Wort entwickelt, aus dem schließlich die Bedeutung erkennbar wird, löst sich aus dem Schatten eine Kontur, eine Fläche, ein Körper, eine Haltung, eine Bewegung.
Claudia von Knorr, die vor ihrer Eurythmie-Ausbildung an der Folkwang-Hochschule Essen modernen Tanz studiert hat, befasst sich ebenso wie Hans Fors, seit Jahren intensiv mit der Entstehungsgeschichte der Eurythmie im Kontext der Zeit- und Tanzgeschichte. Ohne zu illustrieren, zu dramatisieren oder zu didaktisieren ist dem Duo eine in sich stimmige Performance gelungen, die das Publikum, zum Teil stehend, zum Teil sitzend, 50 Minuten konzentriert und fasziniert verfolgt.
Klare Abläufe, einfache Strukturen, nicht zuletzt eine präzise Lichtführung durch Walther Lorenz (Lichtdesign) sowie ein organischer Spannungsbogen machen „Wortspuren“ zu einer Performance aus einem Guss, in der die Magie des Anfangs spürbar wird.


Info 3 / April 2012

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